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Korruption: Interview mit Sylvia Schenk

„Null Toleranz verlangt eine eindeutige Haltung“

Sylvia Schenk ist Vorsitzende von „Transparency International“, einer weltweit agierenden Anti-Korruptions-Organisation. Sie war bis 2007 Vorsitzende des „Bundes deutscher Radfahrer“ und zuvor eine international erfolgreiche 800-Meter-Läuferin. Hendrik Maaßen hat mit ihr am Rand der Sportpolitikkonferenz an der Georgia Augusta über Korruption im Sport gesprochen.

Sylvia Schenk, Vorsitzende von „Transparency International“.

© Vetter
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Tageblatt: Frau Schenk, Sie kommen gerade von einer Konferenz bei der unter anderem die Idee einer Welt-Anti-Korruptions-Agentur (WAKA) diskutiert wurde. Sind sie für eine solche Institution?

Sylvia Schenk: Wenn diese Einrichtung wie gefordert nach Vorbild der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) konstruiert wird, hat auch sie das Problem, je zur Hälfte mit Vertretern aus Politik und Sport besetzt zu sein. Beide Gruppen haben aber ähnliche, teils ausschließlich am Erfolg orientierte Interessen. Es muss eine völlig unabhängige Instanz geben, die auch ausreichende Befugnisse benötigt - wie das international funktionieren soll, weiß ich nicht. Eine Art Behörde hilft nicht wirklich.

Welche Bereiche des Sports sollten besonders kontrolliert werden?

Es gibt Ergebnis-Absprachen zum Beispiel verbunden mit Internetwettbetrug. Hier wurden international in den letzten Jahren bereits effektive Maßnahmen ergriffen. Weitere internationale Risikobereiche sind die Vergabe von Veranstaltungen, zum Beispiel Olympische Spiele, Wahlen in Sportverbänden oder Spielertransfers. Aber auch Doping ist ein verwandtes Phänomen von Korruption.

Aber Betrug ist doch Betrug und wird gleichermaßen bestraft…

Nicht alle Fälle sind strafrechtlich relevant, trotzdem kann sich der Sport solche Verhaltensweisen nicht leisten. Der Sport will ja ein positives Image verkaufen, für Fairplay und Einhaltung der Regeln stehen. Sonst springen eines Tages die Sponsoren ab - der Radsport hat nach den Dopingskandalen seriöse Sponsoren verloren, die neureichen Russen füllen die Lücke nur teilweise.

Aber die Sponsoren im Radsport haben doch nun über Jahre gezögert.

Ja, allerdings hat die Korruptions-Diskussion auch erst Mitte der 1990er angefangen. Bis 1998 war die Bestechung von ausländischen Amtsträgern als "nützliche Aufwendung" von der Steuer absetzbar. Wir sind also in einer Entwicklungsphase, was die Moral betrifft. Und der Sport hinkt noch hinterher.

Es geht also nur, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht?

Wer Spiele verschiebt oder als Funktionär teure Geschenke als Wahlwerbung annimmt, wird sich nicht gleichzeitig für die Offenlegung der Verhältnisse engagieren. Deshalb braucht es Anstöße oder auch Druck von außen: Nur wenn mehr Sponsoren ganz deutlich sagen, dass sie einen wirklich sauberen Sport wollen oder sonst aussteigen, wird sich etwas ändern. Null Toleranz verlangt eine eindeutige Haltung. Ein falsches Signal setzt zum Beispiel die NADA, wenn sie Eberhard Gienger (Vizepräsident des DOSB, Anm. d. Red.) auszeichnet – er ist für mich nicht der Vorzeige-Funktionär in Sachen Anti-Doping (Gienger gab 2006 zu, als Leistungsturner Anabolika genommen zu haben – Anm. d. Red.). Auf der anderen Seite möchte ich auch keinen Kahlschlag, das lässt sich schon international nicht durchsetzen. Wir können nicht alle, die vielleicht mal etwas Falsches zum Thema gesagt haben, absägen – da würden nicht viele übrigbleiben. Jeder sollte eine zweite Chance bekommen, aber es kommt auf die Umstände an.

In der Wirtschaft gibt es sogenannte Ombudsleute, die als Ansprechpartner bei Korruptionsverdacht dienen…

Ombudsleute betreffend Korruption und Doping wären ein ganz wichtiger Schritt. Die abschreckende Wirkung der möglichen Weitergabe von Beobachtungen an den Ombudsmann ist schon Gold wert. In der Wirtschaft werden dafür Rechtsanwälte mit beruflicher Schweigepflicht und Erfahrungen im Strafrecht eingesetzt. Oft gibt es nicht den einen, entscheidenden Hinweis, sondern ein Korruptionsfall kann erst langsam mit vielen Puzzle-Stücken erkannt werden. Die Antidoping-Beauftragten vom DOSB, Frank Busemann und Meike Evers sind, bei allem Respekt, nicht ausgebildet für solch eine Aufgabe.

Wer würde die Ombudsleute finanzieren?

So hoch sind die Kosten zunächst nicht, und es steckt ja viel Geld im Sport, nur nicht an den richtigen Stellen: Wenn man vor dem Risiko steht, Sponsoren zu verlieren, weil man nicht mehr das saubere Image bieten kann, dann wäre das gut angelegtes Geld.

Aber dafür müssten doch genau die Leute sorgen, die jetzt noch die Probleme unter den Teppich kehren?

Das wird nicht von heute auf morgen gehen, es sind viele kleine Schritte nötig, dann kann aus den vielen Kleinen ein ganz großer Schritt werden.

Was kann der Sport von den Affären der Wirtschaft lernen?

Siemens hat die Hauptschuldigen gekündigt, für die kleineren Fische aber eine Amnestie nach bestimmten Kriterien durchgeführt. Auch MAN ist aktuell dabei, eine solche Lösung zu finden. Das sind Modelle, die auch auf den Sport übertragbar sind.

Lassen sie uns vom THW Kiel sprechen: Schon ein Jahr bevor der Skandal um die Schiedsrichterbestechung öffentlich wurde, sollen einige Verantwortungsträger in Kiel von Äußerungen gewusst haben, dass die Champions League nicht ohne Bezahlung gewonnen werden kann. Aber keiner von ihnen hat sich um Aufklärung bemüht. Woran liegt das? Haben die Funktionäre kein Unrechtsbewusstsein?!

Wenn ich höre, dass es sogar Bestechungsversuche bei Schiedsrichtern gegeben haben soll, die dem europäischen Verband gemeldet wurden, aber keine Konsequenzen hatten, dann zeigt das nur einmal mehr die Notwendigkeit eines unabhängigen Ombudsmans.

Können sie etwas über die Motive sagen?

Der Fall THW Kiel zeigt fast exemplarisch eine typische Konstellation: Eine verärgerte Ehefrau bringt die Dinge ins Rollen. Es haben zwar viele was gewusst, aber keiner was gesagt. Die Verantwortlichen haben dann erstmal versucht zu beschwichtigen und den Eindruck erweckt, alles unter den Teppich zu kehren. Doch als der Deckel auf war, kamen noch andere Dinge hoch, weil sich manche erst dann trauten. Abseits vom Fall des THW sehen viele Funktionäre, angefangen bei Steuerhinterziehung bis zum Doping, ihr Handeln oder Unterlassen als im Interesse der Sportart, des Vereins. Oft gibt es eine Überidentifikation. Diese Personen fallen dann aus allen Wolken, wenn sie gesagt bekommen, dass sie dem Sport geschadet oder sich strafbar gemacht haben.

…die Kieler werden ja aber sicher gewusst haben, dass sie sich strafbar machen…

Es kann auch im Fall THW Kiel so sein, dass nicht alles strafrechtlich relevant ist oder ausreichend belegt werden kann. Aber es macht das Wichtigste kaputt, was der Sport hat: Die Unerwartbarkeit des Ergebnisses sowie Fairness und Respekt vor dem Gegner. Wenn man schon vorher weiß, wie ein Spiel ausgeht: Warum sollte man es sich dann noch anschauen?

Was für eine Perspektive sehen Sie für den Sport?

Die aktuelle Diskussion hat schon eine andere Qualität, als vor einigen Jahren. Es braucht eine kritische Masse an Diskussion und Druck, damit sich wirklich etwas in Bewegung setzt. Ich bin da durchaus optimistisch. Der Sport muss über die Angst hinwegkommen, die eigenen Probleme anzupacken.


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